„Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks. Wir sehen keine Zukunft darin.“ Von der Fehleinschätzung zum Zukunftsmanagement

Aus dem Programm des 7. Augsburger Technologietransfer-Kongresses

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Ron Sommer, soll 1990 gesagt haben: „Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks. Wir sehen keine Zukunft darin.“ Dr.-Ing. Alexander Fink von der Beratungsgesellschaft SCMI Scenario Management International wird am 20. März auf dem 7. Augsburger Technologietransfer-Kongress erläutern, wie leicht es zu solchen unternehmerischen Fehleinschätzungen kommt und wie sie sich verhindern lassen. Wir haben im Vorfeld des Kongresses bereits ein Interview mit ihm zu diesem Thema geführt:

 

Herr Dr. Fink, Sie als Experte für Zukunfts-Management sagen: „Die Zukunft steht bereits heute in der Zeitung.“ Woher weiß ich als Unternehmer, welche der vielen Nachrichten für mich relevant werden könnte?

Die meisten schauen allein auf die Nachrichten, die sie erwarten. Damit verengt sich der Beobachtungsraum. Weil ich heute aber noch nicht weiß, wie die Zukunft aussehen wird, ist es wichtig einen breiten Fokus zu haben. Daher sind verschiedene Szenarien sehr hilfreich, um auch weniger wahrscheinliche Entwicklungen im Blick zu behalten. Man sollte sich nicht zu schnell auf das verengen, was in jeder Branchenzeitschrift steht. Also: Nicht nur die Nachrichten lesen, die einen bestätigen, sondern gezielt die, bei denen man denkt: „Da könnten wir ja Probleme bekommen.“

 

Was halten Sie aktuell für das am meisten unterschätzte Zukunftsthema?

Alle schauen derzeit auf das Thema Digitalisierung. Aber was kommt nach der Digitalisierung? Wir sollten z.B. aktuelle Entwicklungen in der Biotechnologie viel mehr auf dem Schirm haben.

Ein weiterer blinder Fleck sind oft gesellschaftliche und kulturelle Dimensionen. Viele Unternehmen betrachten Digitalisierung vor allem aus der technologischen oder ökonomischen Perspektive. Die Digitalisierung hat aber sehr viele Auswirkungen in unterschiedlichste Bereiche. Man darf nicht immer nur auf den wirtschaftlichen Kontext sehen, sondern muss die gesamte Gesellschaft im Blick haben. Werte und kulturelle Konflikte gehören zu den am meisten unterschätzten Themen. Ein Beispiel hierfür ist die Wahl von Donald Trump. Das hat die meisten völlig unvorbereitet getroffen. Sie haben das nicht für möglich gehalten, weil sie die kulturellen Faktoren, die dahinter stehen, nicht wirklich durchdrungen haben.

 

„Die letzten Autobusse werden im Jahre 1990 aus dem Straßenverkehr verschwinden“, prognostizierte 1967 ein Institut. Wie man an solchen Fehleinschätzungen sieht, kann man bei der Bewertung von Trends auch leicht zu falschen Schlüssen kommen. Wie kann man wissen, welches von mehreren Szenarien eintreten wird?

Wir müssen zunächst akzeptieren, dass man nie wissen kann, wie die Zukunft aussehen wird. Dazu sind unsere politischen, gesellschaftlichen und technologischen Umfelder zu komplex geworden. Deswegen muss man verschiedene Möglichkeiten durchdenken – sozusagen mehrere „Zukünfte“ im Blick behalten. Dies erreicht man durch die Entwicklung unterschiedlicher Szenarien.

Aber: Wenn ich fünf oder sechs unterschiedliche Szenarien entwickele, dann kann ich natürlich nicht fünf oder sechs Strategien entwickeln, sondern ich brauche eine Strategie. Deswegen muss man die Szenarien später bewerten. Wenn ein Szenario relativ wahrscheinlich ist, kann man eine fokussiertere Strategie verfolgen. Wenn dagegen mehrere Szenarien erwartet werden, muss man eine robustere Strategie entwickeln, die mehreren Szenarien gerecht wird. Diese Bewertung kann sich natürlich über die Zeit hin verändern.

 

Wie lässt sich das in einem Unternehmen systematisch umsetzen?

Zunächst mal sind Szenarien ein guter Einstieg, um sich mit zukünftigen Veränderungen auseinanderzusetzen, schließlich führt man mit einem solchen Prozess das im Unternehmen vorhandene Zukunftswissen zusammen. Eine solche Szenarioentwicklung kann als eigenständiges Projekt oder im Rahmen eines Strategieprozesses erfolgen.

 

Und werden diese Szenarien dann später weiter genutzt?

Im Grunde entwickelt man sich mit den Szenarien eine Landkarte seiner Zukünfte, die man dann in einem Szenario-Monitoring immer weiter überprüft. Das muss man sich allerdings nicht als voluminösen Prozess vorstellen. Große Konzerne haben dafür sicher eigene Abteilungen. Aber auch ein Mittelständler, der sich einmal systematisch mit verschiedenen Szenarien auseinander gesetzt hat, kann gut vorbereitet sein. Wenn er es schafft, eine Aufmerksamkeit für nicht strategiekonforme Informationen aufzubauen und zu kultivieren und in seiner Unternehmenskultur zu fördern.

Wir stellen fest, dass mehr und mehr Unternehmen dazu das Instrument der Szenarien nutzen, um ihren Denkhorizont und ihre Offenheit für unerwartete Entwicklungen bewusst zu erweitern. Diese Unternehmen haben festgestellt, dass das Setzen nur auf einzelne Megatrends zu einer zu engen Entwicklungsrichtung führen kann. Wichtig ist, dass die Unternehmen ein zukunftsoffenes Denken entwickeln.

 

Manche innovativen Geschäftsmodelle sind im ersten Anlauf gescheitert, weil die Unternehmer mit ihren Ideen ihrer Zeit zu weit voraus waren. Wie weit sollten Unternehmen vorausblicken?

Die Unternehmen sollten etwas weiter schauen als ihr normaler Planungs- und Strategiehorizont, damit sie sich von ihren ausgetretenen Strategiepfaden lösen. Wir arbeiten derzeit für viele Unternehmen mit dem Zielhorizont 2030. Das hängt aber auch von der Branche ab: In der IT-Branche muss der Horizont kürzer sein, in der Luft- und Raumfahrt länger.

Wichtig ist dabei: Denkhorizonte sind nicht gleich Planungshorizonte. Für 2030 ist natürlich kein exakter Plan möglich, trotzdem muss man über diese Zeit nachdenken. Das macht viele erst einmal unsicher: „Ich kann nicht so weit planen, deswegen will ich auch nicht so weit denken“. Dieses „Fahren auf Sicht“ kann gefährlich sein.

 

Tops und Flops: Haben Sie ein besonders gutes oder besonders schlechtes Beispiel für (nicht) erfolgreiches Zukunftsmanagement in einem Unternehmen?

Einmal hat uns ein Unternehmen zu einem mehrtägigen Workshop eingeladen. Nach einem halben Tag sagte man uns: „Wir wissen eigentlich, dass unser Markt nur wachsen wird. Wir würden uns jetzt lieber mit der Vertriebsstrategie beschäftigen.“ Die Firma war damals Weltmarktführer und steht heute vor der Insolvenz.

Ein positives Beispiel war dagegen ein Projekt mit mehreren Sparkassen. Wir haben damals gemeinsam verschiedene Szenarien entwickelt, darunter auch das Szenario eines Vertrauensverlustes der Großbanken, beispielsweise im Rahmen einer weltweiten Finanzkrise. Das Szenario wurde damals als wenig wahrscheinlich eingestuft. Dennoch wurden mögliche Handlungsoptionen „Was wäre wenn“ durchdacht. Als die Finanzkrise dann kam, waren die beteiligten Sparkassen deutlich besser aufgestellt als viele andere. Das Denken auf Vorrat hatte sich hier ausgezahlt.

 

Sie haben Zukunftsszenarien für zahlreiche Branchen entworfen: Welche Branchen stehen Ihrer Meinung nach vor den größten Veränderungen?

Das ist sehr schwer zu beantworten, weil viele Branchen vor substantiellen Veränderungen stehen. Wenn man an Themen wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und auch an die zunehmende Integration der Branchen denkt, stellt sich die Frage, welche Branchen in ihrer heutigen Struktur erhalten bleiben – und welche Branchen miteinander verschmelzen? Der Mobilitätsbereich sowie der Finanz- und Versicherungsbereich sind hier besonders markante Beispiele für größere zu erwartende Umbrüche.

 

Dr.-Ing. Alexander Fink

ist Gründungsinitiator und Mitglied des Vorstands von ScMI. Er unterstützt Unternehmen und Organisationen bei der Zukunfts- und Strategieplanung. Alexander Fink verfügt über langjährige Erfahrung bei der strategischen Beratung von Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Seine Schwerpunkte sind Szenario-Management™, visionäre Strategieentwicklung sowie die Integration von Früherkennung und Szenarien in Führungs- und Planungsprozesse. Er ist Autor bzw. Mitautor mehrerer Bücher, darunter „Szenario-Management“ (Campus 2016) und „Deutschland neu denken (Oekom, 2018). Für seine Szenario-Arbeiten erhielt er verschiedene Preise, u.a. den Preis der Deutschen Marktforschung 2013. Alexander Fink studierte Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Paderborn und promovierte zum Thema szenariogestützte Unternehmensführung am Heinz Nixdorf Institut. Er engagiert sich an mehreren Hochschulen und hält gerne national wie international Vorträge zum Szenario-Management™.

 

Ausführliche Informationen zum 7. Augsburger Technologietransfer-Kongress, wie z.B. den Programmflyer oder auch die Online-Anmeldung finden Sie unter www.technologietransfer-kongress.de .

2018-03-14T09:05:54+00:00

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